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Samstag, 14. Juli 2012

American Express verhört seine Kunden

Die Freiheit nehm ich mir, sehr gerne sogar, zumal im Urlaub, wenn auch nicht mit der Kreditkarte von Visa, sondern mit der von American Express, wenn ich shoppen gehe. Männer gehen ja gerne einkaufen, wenn es um Bau- oder Media-Märkte geht. Weniger gerne, wenn es darum geht, neue Hosen anzuprobieren.

Gerät man dann aber in Kauflaune, so jüngst eines Nachmittags in Italien, dann wird die Karte schon gereizt. Bei mir schien es so, dass Amex gereizt war, da ich die Karte lächerliche vier Mal in Reihe ausgespielt hatte. Denn dann funktionierte sie nicht mehr. Auf dem Scontrino, dem Kassenbon, wurde mein Zahlungsvorgang als "abgebrochen" angezeigt, rote Warnlampen gingen an, Sirenen schrien auf, die Carabinieri stürmte den Laden... So kam es mir jedenfalls vor, als es zu diesem unfreiwilligen Interruptus kam und auf dem Keinkassenbon eine Telefonnummer genannt war, die ich anrufen müsste. Gut, dass die reizende italienische Verkäuferin noch nicht gereizt war.

Ich wählte die Nummer mit italienischer Vorwahl, ging nicht. Ohne italienische Vorwahl, ging nicht. Mit deutscher Vorwahl, ging nicht. Dann übernahm die Verkäuferin. Hinter mir bildete sich in dem Hosenladen eine Schlange (honi soit...). Die Verkäuferin wählte mit ihrem Telefon und schon war der freundliche Amex-Computer dran. Leider sprach er besser italienisch als ich. Meine Sprachkenntnisse begrenzen sich auf die Bestellung einer Pizza mit anschließendem Cafe. Und dem Bezahlen einer Hose mit Kreditkarte - aber nur, wenn diese funktioniert.

Also übernahm abermals die Verkäuferin. Gezielt drückte sie eine Null, folgte den Instruktionen des sprachbegabten Computers, drückte dann eine Eins, später wieder irgendwas, bis sie mir den Hörer reichte. Die Schlange hinter mir wurde länger und länger, die Kasse war durch meinen Fastkaufvorgang blockiert. Ich hörte im Hörer ein leises Englisch, das sich ziemlich italienisch anfühlte. Wie ich heißen würde. Das wusste ich. Wo ich wohnen würde. Auch damit kam ich klar. Wann ich geboren sei. Wieder gelang mir die Antwort.

Die Menschen hinter mir wurden langsam unruhig. Schimpften schon auf mich. Doch ich durfte mich nicht ablenken lassen. Die Prüfungsaufgaben von American Express wurden anspruchsvoller. Wo ich im Februar übernachtet habe. Keine Ahnung. Berlin vielleicht? Oder Hamburg? Ich wusste es nicht. Wie das Hotel in Köln hieß. Ich fragte wann und wusste es ebenfalls nicht. Seit wann wir in Italien wären, was ich mit der Kreditkarte gekauft hätte, ob ich mal - vor vielen Monaten - in London ein Frühstück hatte. Und wo es war.

Mir war klar: Entweder wurde in Italien gerade eine Neuauflage von "Das Leben der Anderen" gedreht, die Stasi wurde modern durch Amex ersetzt - oder ich war mitten in einer italienischen Ausgabe von "Verstehen Sie Spaß?". War ich aber nicht. Es war ein Verhör, in dem ich kläglich versagte, weil ich mein eigenes Leben nicht kannte. Weil ich zu wenig über mich selbst wusste. Mit dem Ergebnis: Die Karte wurde wieder freigeschaltet.

Bezahlen sie einfach mit ihrem guten Namen, dichtete die Agentur Ogilvy & Mather einst im Jahre 1984. Neunzehnhundertvierundachzig? Das kann kein Zufall sein. Big Brother is watching me...

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