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Freitag, 29. April 2011

Royal Trauma bewältigt

Und? Den schnellsten Kuss königlicher Hochzeiten gesehen? Deutschlands Medien- und Werbemenschen haben sich das Ereignis nicht entgehen lassen, die Royal Wedding von Prinz William und Kate Middleton.

Schon ab 11 Uhr war es heute fast unmöglich, Kreatives ans Telefon zu kriegen. Wie gefeiert wurde, dokumentiert wuv.de durchaus eindrucksvoll. Eine Agenturfrau aber, die freute sich schon am Morgen wie ein kleines Kind auf diese Hochzeit. Sie sei damals zehn Jahre alt gewesen, als Lady Di geheiratet habe. Und sie habe die Trauung nicht anschauen dürfen, dereinst. Ihre Eltern hätten ihr zum Trost dann zwar eine Dokumentation gekauft, doch sie leide heute noch darunter, dass sie nicht vor dem Fernseher saß.

Daher saß sie heute nicht lang in ihrer großen Werbeagentur, sondern, bewaffnet mit Taschentüchern, vor dem Royal TV. Hoffentlich hat sie die beiden Fast-Food-Kisses nicht versäumt, so schnell, wie das ging...

Für überraschende Zusatz-Informationen sorgte CNN: Im Gegensatz zu den anderen Fernsehsendern hatte CNN professionelle Lippenableser engagiert, die all das vom Brautpaar übersetzten, was man nicht hören konnte. Zum Beispiel sagte (Halb?-)Bruder Harry unmittelbar vor der Trau-Zeremonie, während die Braut vom Kirchenschiff her kam und sich William nicht umdrehen durfte: "Wow, you should see what's coming...". Und kurz nach dem Schnellkuss sagte sie: "It's bombastic!" Nein, anders,sie sagte es vor dem Kuss, als sie die Menge vom Balkon aus sah.

Montag, 25. April 2011

Atom-Bewunderung

Hand auf's Herz. Oder auf's Gigahertz: Warum haben Sie sich Ihr Laptop gekauft? Weil Sie damit arbeiten wollen? Lächerlich. Weil Sie digital Fotos, Musik und vor allem Rezepte sammeln? Sie lügen sich doch in die eigene Laptoptasche! Weil Sie Lust hatten, Geld auszugeben? Ja, das könnte zutreffen. Oder aber, weil Sie auf Atom stehen und auf die Werbung von Intel hereingefallen sind, das sich den Atom-Prozessor sogar als Trademark hat schützen lassen?

Wenn Sie aber ganz ehrlich wären, so ehrlich, wie nur Werber sein können, dann würden Sie in den Spiegel sehen und zugeben: Sie haben sich Ihren Computer gekauft, um, ja, jetzt kommt's, um bewundert zu werden. Im "Spiegel" nämlich befindet sich die Werbeanzeige von Toshiba, die mit dem Slogan "HABENWOLLEN" operiert. Und "sichtbar intelligent", wie es in der Ecke der Anzeige steht, damit wirbt, dass Toshiba ein Gerät verkaufe, das man sich nicht nur zum Arbeiten kaufe, sondern,"um bewundert zu werden".

Woher diese Bewunderung kommen soll, wird in der Anzeige nicht verraten. Vielleicht, weil der integrierte Intel-Prozessor mit dem leicht merkfähigen Namen "Intel Core i3-2310M" ohne Atom - im Namen - auskommt? Oder will schlicht der Werbetexter bewundert werden? Für seine sichtbare Intelligenz?

Mittwoch, 20. April 2011

Facebook hat mir einen Cousin geschenkt!

Facebook macht Sinn: "Mein Zug hat Verspätung", 32 Freunden gefällt das. "Habe ein Reh überfahren", Gefällt mir. Und 24 anderen auch. So recht konnte ich nicht immer den Sinn von Facebook erkennen. Bis heute.

Denn heute hat mir Facebook einen neuen Cousin geschenkt. In Köln! Ja, nun habe ich ein echtes Kölsch, das mit mir verwandt ist. Sagt seine Mutter. Schreibt er. Über meine Tante. Die immer Weihnachten bei uns war, als ich noch Kind war. Beim Christkind. Aber dass sie ein Kind hat, in etwa so alt wie ich, mein Cousin, das erfuhr ich jetzt. Dank Facebook.
Gefällt mir!

Wer weiß, was wir noch so alles via Facebook erfahren. Wer meine Schwester ist - ach so, ich habe gar keine Schwester? Oder drei Geschwister? Und wer war mein Vater, wer meine Mutter? Wie auch immer, wichtig ist ja nur, wer wir selbst sind. Oder, noch wichtiger, dass wir sind. Wir sind Sein. Sein ist Sinn. Und Facebook ist Sein, also auch Sinn?

Montag, 18. April 2011

Eiskalter Trick gegen weinharte Typen

Schmecken Sie es? Eine leichte Nuance Vanille, auch etwas Pistazie ist dabei. Und im Ausgang ist es der Nussgeschmack. Weinkenner können ganz schön nerven. Tut mir leid, ich bin einfach ein Weindepp mit bäuerlichen Vorfahren, da kann ich mich mit Wein nicht auskennen. Außerdem trinke ich einfach zu wenig Alkohol, ja, ich weiß, ich sollte es ändern, um in der Werbe- und Medienbranche mithalten und mitreden zu können. Von wegen Aprikose im Anflug oder Mokka im Gaumen. Auch das milde Schokoladige, nein, es hilft nichts, ich schmecke es einfach nicht.

Seit mir ein Moderator, Frank Plasberg, hart aber fair, einen Tipp für genau solche Situationen gegeben hat, hat sich schlagartig mein Leben unter Weinkennern verändert: Plasberg, der den Tipp selbst irgendwann von irgendwem erhalten hatte, sagte, man müsse bei der Beschreibung des Weingeschmacks lediglich alle Eissorten durchgehen. Wie anfangs versucht, von Vanille über Pistazie zu Nuss. Von Himbeere über, nein, nicht Stracciatella und, nein, nicht Pinguin...

Ansonsten funktioniert es. Ausprobieren!

Freitag, 15. April 2011

Airbus und die Fliegen-Klatsche!

Jetzt ist es amtlich: Die EADS hat es gemeinsam mit Airbus in einer Pressemitteilung der ganzen Welt mitgeteilt. Als „wichtigen Meilenstein“ bezeichnet es EADS-CEO Louis Gallois und ist „besonders stolz darauf, dass alle betreffenden Regierungen dieses Kooperationsprogramm unterstützen“.
Es geht um die A400M, um ein, wie es original im Pressetext heißt, “fantastisches neues Flugzeug, das fliegt…“!!! Ja, richtig gelesen, nun gibt es ein Flugzeug, das fliegt! Da fliegt mir doch das Blech weg! Ok, der Satz geht sogar noch weiter: „…und sich durch herausragende, konkurrenzlose Fähigkeiten auszeichnet.“ Klar, wer fliegen kann, hat keinen Wettbewerber auf Erden. Der Fortschritt scheint unaufhaltsam. Zum Davonfliegen.
Vielleicht hätten Airbus und EADS schon viel früher kooperieren sollen. Nicht miteinander, sondern mit Red Bull, das sicher seine Flügel verliehen hätte.

Sonntag, 10. April 2011

I-Pad: So machen wir uns das Leben schwer!

Dünner geht kaum: Das i-Pad 2 wiegt nur noch 601 Gramm, also 79 Gramm weniger als das i-Pad der ersten Generation. Das Leben wird also immer leichter. Wird es das?

Schaut man sich mal all die i-Pads an, die einem so in Büros und Flughäfen begegnen, dann sieht die Realität traurig aus, für all das Schlanke. Fette Typen tippen mit ihren fetten Fingern auf fette Geräte. Von wegen 601 Gramm. Die dünne Designerware wird nämlich zu gern in Schutzhüllen versteckt, die das Körpergewicht der zarten Geräte oft bei weitem übersteigen. Kaum ein i-Pad-Nutzer, der seine 601 Gramm unverhüllt durch die Gegend trägt.

So sind wir einfach: Wir legen Decken über unser Sofa, Schonbezüge über Autositze und fette Schutzhüllen um unser i-Pad. So machen wir es uns schwer, völlig unnötig: das Leben. Und das i-Pad.

Mittwoch, 6. April 2011

Neulich auf einer Werberparty

Ein Werber erzählte mir davon, dass sein Hobby Rennboote sind. Er selbst jage diese flachen Dinger über das Wasser, aber er fahre nur Formel 4. Ich konnte nicht mitreden.

Ein Werber erzählte mir, dass er sich für sein Haus in Südafrika ein neues Cabrio gekauft habe. Einen Mercedes mit drei Buchstaben. Er sei billig, billig rangekommen, weil er ihn sich aus Japan beschafft habe, über Freunde und über Kamerun oder so. Jedenfalls sei das Gefährt nun da. Ich konnte nicht mitreden.

Einer erzählte mir über Politik, die Schweiz, Musik. Und irgendwie kam er zu dem Geständnis, dass er noch nie geraucht habe. Ich konnte mitreden und gab ebenso zu, dass auch ich noch nie geraucht habe. Sagt ein anderer Werber, ganz ernsthaft: "Und wie habt Ihr dann gekifft?"

Samstag, 2. April 2011

E 10 im Magen hungernder Kinder

Er schreibt täglich die Kolumne "Post von Wagner" in der Bild-Zeitung. Er war mal Bunte-Chefredakteur und wird aufgrund seiner journalistischen Qualität gerne "Gossen-Goethe" genannt: Franz Josef Wagner. Diesmal schrieb er über den Bio-Sprit E 10. Wer E 10 tanke, habe nicht alle Tassen im Schrank.

Seine Begründung in verkürzter Form: Wagner solle mit E 10 "das tägliche Brot durch meinen Auspuff jagen","von 200 Kilo Getreide kann ein Mensch 1 Jahr lang leben", damit könne er sein Auto nur "2x volltanken". Weiter dichtet er: "Wie erkläre ich meiner Enkelin, dass ich Biosprit fahre, während alle drei Sekunden ein Kind an Hungertod stirbt. All das Getreide, der Mais, der Raps in meinem Tank ist nicht im Magen der hungernden Kinder."

Ja, da hat der Meister einmal mehr große Worte geschrieben. Deswegen lasst uns daraus Lehren ziehen und ewig echtes Öl tanken, je mehr wir damit fahren, desto mehr nutzt es der Menschheit. Obwohl, wer die Bild weiter blättert, erfährt durch verständliche Grafiken (falls ich sie richtig interpretiere), dass aus Getreide & Co nur Alkohol hergestellt wird, der unsere Autos beglücken soll. Da ergeben sich doch ganz andere Probleme: Alkohol im Straßenverkehr etwa. Mein Auto liegt deutlich über der 5-Promille-Grenze. Schlimm ist das. Kein Wunder, dass wir ausschließlich von Parteien regiert werden, die mehr als 5 Prozent im Blut haben... Ja, die 5-Prozent-Hürde.

Oder, schlimmer noch: Wie erkläre ich meiner Enkelin, dass Alkohol jetzt so teuer wird? Nur, weil ich verantwortungslos damit rum!fahre. "Ich kann meiner Enkelin nicht erklären, warum ihr Schulbrot teurer wird", macht sich Wagner einen Reim. Und ich kann meiner Enkelin nicht erklären, waRum auf ihren Schulpartys Alkopops teurer werden. Es ist zum Weinen, um Gossen-Goethe noch einmal frei zu zitieren.

So lange wir ernsthaft über die Verträglichkeit von E 10 diskutieren und uns über das Wohlergehen unserer Autos Sorgen machen, haben wir definitiv keine Probleme. Wie erklären wir das nur unserem Patenkind von World Vision?

Freitag, 1. April 2011

Rauch-Zeichen!

Um seiner rauchenden Sucht zu frönen, muss man bekanntermaßen das Restaurant oder den Veranstaltungsort verlassen, um draußen in der Kälte zwischen zwei Lungenzügen andere unbekannte Abhängige zu Freunden zu erklären. Gestern jedoch, bei der Party des TV-Wirkungstags in Düsseldorf, war vieles anders. Nicht nur, dass es dort einen Schokobrunen gab, der gar kein Schokobrunnen war, sondern ein Currywurstsoßenbrunnen. Für Raucher und Nichtraucher.

Anders war aber auch, dass Raucher zum Paffen reingehen mussten. Oder drinnen bleiben sollten. In den feierlichen Räumlichkeiten des Flughafens, wo die TV-Wirkenden auf die TV-Wirkungen anstießen. Draußen, auf der Terrasse mit herrlichem Blick über den Flughafen, war akutes Rauchverbot - wegen des hohen Kerosingehalts in der Luft, wie die eigens eingesetzten Sicherheitskräfte warnten. Das erfuhr ich jedoch erst, nachdem ich einen wichtigen Manager zum Rauchen rausgeschickt hatte...

Puff!

Montag, 28. März 2011

PR der Ahnungslosen

Sie hauen in die Tasten, ohne groß über den Sinn dessen nachzudenken, was herauskommen soll: digitale Pressefuzzis. Oder pressige Digitalfuzzis. Entsprechend trifft jede Menge Babylonisch-Sprachwirriges in der Redaktion ein.

Heute kam eine Meldung an, die ernsthaft mit folgender Headline locken wollte:
"Instaprint instaprints your instaparty instagrams instantly".
Um was es in dieser Meldung ging? Keine Ahnung. Irgendwie um "filter-tastic social photo apps". Absender der Meldung ist techland.time.com.

Mehr denn je bewundere ich unsere Redakteure im Digital-Ressort. Ihr Job besteht aus extrem anspruchsvollen Übersetzungsarbeiten. Es sind quasi transsilvanische Translation-Transmissionsriemen-Transporter. Respekt!

Freitag, 25. März 2011

Der Targeting-Test: Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?

Wer mehr über sich erfahren will, kann zum Psychiater gehen - oder, viel einfacher, schneller, moderner, mal auf den Websites schauen, welche Werbung einem begegnet. Denn Targeting zeigt einem, wer man ist. Targeting ist schließlich das Ergebnis eines hochtechnisierten Cookiekrümmelaufspürverfahrens. Heißt: Alle Spuren, die man so gemein im Internet hinterlässt, fügen sich so zusammen, dass man mit getargeter Werbung individualisiert angesprochen wird.

Blickt man in unserer Redaktion einem Kollegen, männlich, weit überdurchschnittlich intelligent, technisch versiert, vielseitig interessiert, am Computer über die Schulter, blickt man auf die Werbung, die das Targeting für ihn ausgesucht hat: "Jeder 5. Mann über 40 leidet unter Erektionsproblemen" - per Click geht es dann zu einem Viagra-Produkt.

Einer langjährigen Mitarbeiterin, unglaublich professionell, schnell und fleißig, stets auf der Jagd nach News, testiert das Targeting folgende Werbung: "Wie weckt man den Büroschläfer wieder auf?" - ein Hinweis auf den Energiedrink Red Bull.

Nachdem ich von diesen wertvollen Charakteristika meiner Kollegen erfahren habe, dachte ich mir: Mach doch auch mal den Targeting-Test. Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?
Die Antwort: Mir wurde eine Silikon-Dauerbackmatte für 9.99 Euro empfohlen. Von Tchibo. Vielleicht, weil ich so überhaupt nicht backen kann...

Mittwoch, 16. März 2011

Nutellas neue Kleider

Eine wirklich schöne Umhängetasche von Kappa. Unser einstiges Aupair, ein Immergutelaunemensch, ist glücklich.
"130 Punkte"
"Wie bitte?"
Und ein wirklich schönes Polo-Shirt von Kappa.
"Nur 90 Punkte."
Wir verstehen nicht.
Aber unser Ex-Aupair klärt auf: Nutella hat grad eine Aktion. Auf jedem Deckel sind zwei Sammelpunkte. Und diese könne man in Kappa-Produkte einlösen. Sports Meets Style.
Nun entdecken wir jede Menge weitere Kappa-Dinge.
"Alles von Nutella", strahlt die junge Frau. Auch ihren Freund hat sie neu eingekleidet.
Das müssen Lastwagen von Nutella-Gläsern gewesen sein, überlegen wir. Sie ist doch nicht etwa auf den billigen Marketingtrick von Ferrero hereingefallen, die Arme?
Nicht wirklich: Unser einstiges Aupair hat neulich schlicht Crėpes verkauft. An einem Stand. Und fast jeder wollte Nutella drauf. Am Ende waren es einige hundert Gläser.
Eine Punktlandung.

Donnerstag, 10. März 2011

Spiegel: Winnenden scheitert an Uschi

Anruf vom "Spiegel": "Wir wollen gerne ein Interview mit Ihnen machen, zu Ihrem Winnenden-Buch."
"Das finde ich aber honorig von Ihnen, dass Sie das vorhaben, trotz meiner starken Kritik am Spiegel..."
"Ähem, ich habe das Buch noch nicht gelesen. welche Kritik denn?"
"Na, zum Beispiel, dass Sie den Täter auf's Cover genommen haben. So was macht man nicht!"
"Da haben Sie auch Recht!", so der Spiegel-Journalist.
Um 16 Uhr soll das Interview stattfinden.
Kurz davor eine SMS: Leider müsse man das Gespräch absagen, es sei ein anderes Gespräch hereingekommen.

Was war dem Spiegel nun wichtiger als die kritischen Winnenden-Worte zu Medien, Waffen und Politik? Wer kam also auf die Aufmacher-Seite der Ressorts Gesellschaft oder Medien?

Entweder war es Uschi, genauer gesagt der Briefverkehr mit Uschi Obermeier, Jimi Hendrix & Co, eine Briefkollektion, die Hellmuth Karasek in ein Buch gepresst hat - Seite 52 im aktuellen Spiegel.

Oder es war Uschi, auf die sich nichts reimt. So steht es wohl auf T-Shirts, die sich Unsympath Mario Barth hat patentrechtlich schützen lassen, obgleich der Spruch so gar nicht seine Idee war (Seite 139). Uschi hat jedenfalls mit Winnenden eines gemein: Nichts reimt sich auf... Uschi wie Winnenden.

Sonntag, 6. März 2011

Die Situation in Winnenden vor dem Jahrestag

Ein bisschen herrscht hier in Winnenden Angst vor dem Jahrestag. Am Freitag ist es zwei Jahre her, dass der sogenannte Amokläufer 15 Menschen erschoss. Dieses Jahr soll alles stiller zugehen als vor einem Jahr, als noch Bundespräsident und Minister kamen. Klar, Gedenkgottesdienste wird es auch in diesem Jahr geben. Und eine kleine Gedenkfeier, diesmal mitten in der Kleinstadt, am Marktplatz. Und die Glocken der Stadt werden läuten. Ab 9.33 Uhr, was hier sehr umstritten ist. Denn die Hulgigung an die exakte Tatzeit ist letztlich auch eine Heroisiering der Tat.

Gut, dass diese Woche Ferien sind. Entsprechend ist an den Schulen nichts geplant. Und die Albertville-Realschule hat es schon fast geschafft: Gleich einer Metapher ist der Rohbau vor der bekannten Fassade des Gebäudes fertig. Neues drängt sich vor die schrecklichen Erinnerungen. Das kann nur gut sein.

Dort, wo bis vor wenigen Wochen noch die Container der psychologischen Betreuung standen, an der Stadthalle, gegenüber der Albertville-Realschule, da hat sich in den letzten Tagen ein Zirkus einquartiert. Das mit Kindertränen gefüllte Grau entwich dem mit Kinderlachen gefüllten Bunt. Das Leben geht weiter. Geht es?

Mich sprach eine Mutter an, als ich mein Winnenden-Buch vor kleinem Publikum in Winnenden vorstellte. Ihr Sohn, sagte sie, sei damals in dem Klassenzimmer gewesen, wo es die vielen ermordeten Schüler gab. Jetzt, sagt sie, sei er so weit. Der Sohn gehe freiwillig zur psychiatrischen Behandlung. Es sei der größte Fortschritt seither. Das Seither ist nun zwei Jahre alt. Mit niemandem mehr könne die Familie sprechen, wenn es um das Winnenden gehe. Nicht einmal Verwandte könnten heute noch das Wort Amoklauf hören, beklagt die Mutter. Und Freunde schon gar nicht. Deshalb freue sich die Mutter so, dass es das Winnenden-Buch gebe, "weil ich mich nun nicht mehr so allein fühle". Weil sie nun wisse, dass der ganze Ort, alle Menschen so betroffen wären.

Gehen die Kinder morgens zur Schule - oder mittags zur Freundin - rufen sie lautstark: "Ich liebe dich" als Abschiedsgruß durchs Haus. "Warum macht ihr das denn immer?", fragen wir Eltern. "Weil man nie weiß, ob es die letzten Worte sind, die wir miteinander gesprochen haben", sagt meine Tochter. "Wir haben in der Schule darüber diskutiert. Man darf nie im Streit auseinandergehen..." Diese Sätze fielen heute. Nicht vor ein, zwei Jahren.

Ein Nachbarspaar sprach mich an. Ganz liebe, ältere Menschen. Weil ich ein Buch über Winnenden geschrieben habe, wollten sie mir ihre Geschichte erzählen. Wie sie damals im Schwimmbad waren, im Wunnebad. Und dann seien all die Kinder ins Bad geströmt. Manche seien blutig gewesen. Das ältere Paar hätte natürlich nicht gewusst, was denn passiert sei. Dann die Sirenen, die Polizei, die Krankenwagen, die Hubschrauber... Erst später wussten sie, dass alle unmittelbar betroffenen Schüler ins Schwimmbad geflüchtet waren.

Es war das erste Mal, dass mir die Nachbarn ihre Geschichte von damals erzählt hatten. Jeder hier hat seine Geschichte. Jeder weiß noch exakt, was er getan hat, damals. Und die Wunden der Erinnerung reißen immer wieder auf.

Ob die Presse jetzt wieder über den kleinen Ort einfallen wird, so wie damals? Diese Frage stellen sich viele Menschen hier. Einige Journalisten haben massiv Fehler gemacht, damals. "Rund um den Ort des Massakers sieht es aus wie auf einem Rummelplatz. Hunderte von völlig schockierten Kindern, Vätern und Müttern. Rummel rund um Blumen, Kerzen, Trauer. Eine von illustren Medien eingekreiste Leere. Die Fassungslosigkeit wird umzingelt, um sie aufzusaugen. Vampirartig werden Trauernde überfallen, angezapft, in ihrer Intimsphäre gestört", beschrieb ich es in meinem Buch, der "Tatort, Futterstelle für Journalisten."

Vielleicht haben Medien ja aus Winnenden gelernt. Täter müssen nicht auf Titelseiten erscheinen. Schüler, die unter Schock stehen, müssen nicht interviewt werden. Beerdigungen müssen ihre Privatsphäre haben dürfen. Da muss nicht heimlich über Friedhofsmauern fotografiert oder gefilmt werden. Natürlich, das muss man zugeben, haben die meisten Journalisten sauber, respektvoll gearbeitet. Einige standen selbst unter Schock, als sie hier in Winnenden angekommen waren. Ein Redakteur hat mir davon ausführlich berichtet. Denn auch Journalisten sind in der Regel auf so eine Ausnahmesituation nicht vorbereitet. Niemand ist es.

Dienstag, 1. März 2011

Winnenden-Buch: eine Selbstkritik

Ok, das Nachwort meines Buches hätte wohl besser das Vorwort sein sollen. Dann hätte auch der flüchtig lesende Kritiker gemerkt: "Sämtliche Texte entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck des jeweils Erlebten. Diese Direktheit, oft auch Meinung, ist beabsichtigt. Je reflektierter die Texte wären, desto distanzierter wären sie."

Es geht um das Buch "Winnenden. Ein Amoklauf und seine Folgen". Erschienen vor wenigen Tagen. Die meisten Kritiker haben es verstanden. Etwa Christine Lübbers. Oder Daniela Remus vom NDR.

Was mich überrascht ist, wie viele Journalisten nicht mit Kritik umgehen können. Weil ich in dem Buch einige wenige Kollegen an den Pranger stelle - deren Fehler ich konkret benenne - verteufeln manch Redakteure reichweitenstarker Medien das Buch als "pauschales Abwatschen der Medien".

Ich hoffe, das Buch regt den einen oder die andere zum Denken an. Und ich hoffe, es trägt zur Meinungsbildung bei. Und zur Diskussion. Über die Verantwortung der Medien etwa.

Wer sich einen Eindruck der Texte verschaffen will, findet bei DVA eine Leseprobe.

Sonntag, 27. Februar 2011

Gadhafi: Mein Palast, mein Zelt, mein Bunker!

Was sind wir doch traurige Kreaturen, hierzulande, wenn wir nur mit meinem Haus, meinem Auto und, wie jüngst hier durch einen Post gelernt, meinem Parkplatz blöffen können. Wer sich heute die Nachrichtensendungen angeschaut hat, konnte das Areal sehen, in das sich Oberst Gadhafi in Libyen zurückgezogen hat. Hier kommen genau drei Begriffe vor:
sein Palast, sein Zelt, sein Bunker.
Wer, bitte schön, kann da noch mithalten?
In den nächsten Tagen kommt aber noch etwas dazu: seine Zeit, die gekommen ist, um endlich zu verduften.

Samstag, 19. Februar 2011

Bayreuther Groteskspiele

Einleitung: Das Abschreiben ist per se gar nichts Neues. Bis ins 19. Jahrhundert war das Plagiieren gang und gäbe. Nur um Autoren zu Ehren, wurde zitiert. Stop. Diese ersten Sätze sind, zugegeben, abgeschrieben. Nicht aus der FAZ, sondern von der Stuttgarter Zeitung von heute, Seite 20.

Hauptteil: Was bisher kaum oder gar nicht thematisiert wurde, im Zusammenhang mit der Plagiatsaffäre um unseren Verteidigungsminister von Guttenberg, ist der katastrophale Umgang mit dem Thema - und zwar von der Universität Bayreuth selbst. Sie hat die Dissertation angenommen, durch einen erlauchten Kreis gebildeter Koryphäen geprüft,... Moment mal: Wusste vielleicht keiner der Bayreuther Wissenschaftler, dass es inzwischen Internet gibt. Sogar in der alten Barockstadt. Das kann man auch nicht wissen, wenn man sich in alten Bibliotheken verschanzt. Obwohl: So alt ist diese Bildungseinrichtung gar nicht, sie wurde erst 1975 gegründet. Tja, auch nicht ganz richtig. 1743 schon wurde das damalige Bildungszentrum von Bayreuth zur Uni erklärt. Doch es soll Randale gegeben haben, so dass die Uni von der Bevölkerung nach Erlangen vertrieben wurde.

Aber auch Folgendes ist doch längst auch in Bayreuth gang und gäbe: dass wissenschaftliche Arbeiten geprüft werden. Gerade auch auf Plagiatsverdacht hin. Das macht heute jeder Lehrer bei jeder Hausarbeit. Es gibt längst Software für diese Überprüfung. Dagegen könnte sich nicht einmal ein Verteidigungsministerium wehren. So gesehen würde ich als Mister von Guttenberg die Universität Bayreuth in zwei Wochen antreten lassen und zur Rechenschaft ziehen. Schließlich ist es die Universität, die versagt hat. Schlimmer noch: Die Bayreuther nehmen die Sache selbst in die Hand, statt, wie bei früheren prominenten Plagiatsfällen an anderen Unis Usus, das Ganze von einer anderen Hochschule überprüfen zu lassen. Könnten da noch peinlichere Dinge zutage kommen? Statt dass die Uni in Erklärungsnot kommt, werden dem Ex-Studiosus und heutigen Werbeträger des Uni-Videos Fragen gestellt. Was auch spannend ist.

Schluss: Die Marke "Universität Bayreuth" ist nachhaltig beschädigt. Eine Uni, die noch nicht einmal einen Slogan, ein Motto hat, die ein grauenhaftes Laienlogo verwendet. Vielleicht sollte sie sich ein Marketingstudium verordnen. Um selbst daraus zu lernen.

Freitag, 18. Februar 2011

Möpse aus Fruchtgummi

Es war auf der Party des Jahres, wenn es um Schönheit geht. Es war beim Prix de Beautė, in den festlichen Räumen des Kurhauses zu Wiesbaden. Gastgeber war das Hochglanzmagazin Cosmopolitan. Champagner, Kaviar, teure Düfte.

Und dann das: Zwischen den rund 600 schlanken Beinen der Models und Gäste verteilte eine feine Dame Autogrammkarten. Völlig selbstlos nicht von sich, sondern von, nun ja, ihren Möpsen. Genaugenommen geht es nur um einen Mops, ihren Sir Henry, den die Dame auf allen Kanälen vermarktet. So gibt es das Tier auf Porzellantassen, Servietten, Tabletts, Notizbüchern und Geschenktaschen, natürlich auch als Marke für Hundeprodukte wie "Tender Love Sensitiv Shampoo" oder "Love Me Fresh Up Spray".

Die jüngste Kooperation, erzählt die Dame mit der Möpse-Vermarktung, Uschi Ober.., nein, äh, Ackermann, sei ihr Mops mit Haribo eingegangen. So gebe es jetzt "Fruchtgummi-Möpse". In fünf Geschmacksrichtungen. Möpse zum Vernaschen, wie Frau Ackermann sagt.

Freitag, 11. Februar 2011

Jagende Chefs: Frischfleisch für Mitarbeiter

Sie alle hat das Jagdfieber erfasst: Polit-Getier Franz-Joseph Strauss hat sein Leben dafür geopfert, Media-Parodist Alexander Ruzicka hat es in Südafrika mit einer professionellen Jagdunterhosenausstattung geliebt, Daimler-Platzhirsch Jürgen Schrempp hat jüngst erst mit seinen Jagdgelüsten geprahlt.

Jagen an sich mag archaisch sein. Welche Gefühle jedoch werden wachgeküsst, wenn Chefs ihr getötetes Vieh an ihre Mitarbeiter verfüttern? So habe - laut W&V online - der Chef von Condė Nast, Moritz von Laffert, ein selbst erlegtes Wildschwein seinen Mitarbeitern vorgesetzt. Auf dem Spieß. Frisch gegrillt am riesigen Drehgestell, mitten in München, in der Karlstraße.

Noch mehr Fleisch hat die Story von Drogeriekönig Müller aus Ulm. Er schießt einfach gerne auf seine Vogelsträuße, die sich auf seiner Farm auf Mallorca befinden sollen. Das schöne Fleisch darf dann traditionell in der Kantine des Hauptstandortes der Müller-Zentrale in Ulm verfüttert werden. Oder gefuttert werden. Und sogar das Straußenleder wird verarbeitet. Zu Geldbörsen und Etuis. Diese, vom eigenen Chef geschossenen und zu Asseccoires verarbeiteten Tiere gibt es nur in der Hauptfiliale unweit des Ulmer Münsters zu kaufen, ausgestellt in einer eigenen Vitrine im Erdgeschoss. Frei nach dem Motto: Hier schießt der Chef. Oder: Chefs zum Schießen!

Montag, 7. Februar 2011

Abenteuerspielplatz Ägypten

Wer heute schon seinen Briefkasten nach Werbung durchwühlt hat, könnte es gelesen haben:
"Hallo Kinder! Wart ihr schon mal in Ägypten? Im Land der Pharaonen kann man richtig viel entdecken!"
Zu finden ist die redaktionell gestaltete Kinderseite mit dem Aufruf "Kommt mit an den Nil!" in der Werbezeitschrift von Edeka, "Diese Woche". Wow. Ganz schön aktuell. Redaktion im Werbeumfeld soll ja die Glaubwürdigkeit erhöhen. Und das Vertrauen. Denn: Hinter jeder Edeka-Zeitschrift steckt ein kluger Kinderkopf. "Heute", so lernen wir aus der Edeka-Ausgabe, "ist Ägypten ein viel besuchter Urlaubsort..."
Na dann, gute Erholung!